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Vor- und Nachteile des Homeoffice aka remote work während einer Pandemie

Mockup picture describing the state of remote work during the covid-19 pandemic

Derzeit stoße ich auf einige Studien und Artikel, die sich des Themas Homeoffice zu Zeiten der Pandemie annehmen.
Meiner Meinung nach sind diese häufig (in die eine oder andere Richtung) tendenziös, weshalb ich hier mit einigen Missverständnissen aufräumen möchte.


Homeoffice Für und Wider

Als Aufhänger diente für mich folgender Artikel auf XING.

Meiner Meinung nach wird hier einiges durcheinander geworfen.

Man sollte hier die besonderen Umstände beachten. Hier wird, so wie ich es sehe, Remotearbeit während einer Pandemie mit der Büroarbeit währen "Normalzeiten" verglichen. Es sollte allerdings klar sein, dass die Remotearbeit während einer Pandemie nicht mit allgemeiner Remotearbeit vergleichbar ist.

Eigene Erfahrung mit Remotearbeit

Ich würde mich als Vorpandemieremotearbeiter(TM) als gut ausgestattetet und stark selbstmotivierend und selbstorganisierend bezeichnen. Die Arbeit fand bis zur Pandemie in einem gemischten (Remote + Vor-Ort) Team statt. Sowohl vor als auch während der Pandemie gab es bei mir keine gesundheitlichen oder psychischen Probleme.

Allerdings ist die Belastung während der Pandemie stark gestiegen, während sie davor deutlich geringer als während der reinen Vor-Ort-Arbeit war.

In erster Linie durch die Betreuung der Kinder zu Hause. Aber auch durch die anfangs 1:1 auf Videotelefonie verlegten Meetings. Aus diesen Gründen und zusätzlich aufgrund der angespannten Gesamtsituation musste ich deutlich mehr Energie als bisher bei deutlich weniger Pausen aufbringen. Mir ist natürlich klar, dass ich als Einzelbeispiel nicht repräsentativ bin, allerdings weiß ich von einigen anderen Leuten mit ähnlichen Bedingungen, dass es ihnen weitestgehend genauso erging.

Homeoffice währen der Pandemie

Hier wird meiner Meinung nach schon recht offensichtlich, was ausschlaggebend für teilweise alarmierende Ergebnisse bei den genannten Studien war. Die deutlich erhöhte Belastung in Bezug auf Kommunikation, Kinderbetreuung und Alltagsorganisation, Arbeitszeitverdichtung, Verunsicherung und eine andauernd unsichere Ausnahmesituation kombiniert mit einer für die meisten ungewohnte Arbeitsweise mit häufig nicht ausreichender Ausstattung führt zwangsläufig zu vermehrt physischen und psychischen Erkrankungen.

Nebenbei ist erwartbar, dass in solch einer Situation die Arbeitszeit gegenüber dem Büro steigt. Das kann z. B. an vermehrter Kontrolle des Arbeitgebers, Jobunsicherheit, aber auch an häufigeren Unterbrechungen sowie unzureichenden Arbeitsbedingungen liegen. Zum anderen fällt die Pendelzeit weg, die nun teilweise als Ausgleich oder bei Alleinstehenden als Beschäftigung genutzt wird.

Demgegenüber stehen Studien, die der Remotearbeit selbst während der Pandemie eine gesteigerte Produktivität zuschreiben. Hier hätte ich eigentlich in jedem Fall eine Verringerung erwartet.

Aus diesem Grund würde ich die im XING-Artikel beschriebenen Probleme als weniger ernst im Bezug auf Remotework im Allgemeinen, sondern im Bezug auf Homeoffice im Zuge einer Pandemie ansehen.

Was nicht heißt, dass es nicht Probleme zu lösen gibt und eine gute Ausstattung für erfolgreiches von zu Hause arbeiten nicht unumgänglich ist. Außerdem sollten (auch im Büro) Meetings im Vorhinein auf ihre Notwendigkeit geprüft werden. Eine eins zu eins Übertragung von Meetings und persönlichen Treffen zu Videokonferenzen macht schon deshalb keinen Sinn, weil im Büro der direkte Kontakt meist effizienter und auch effektiver ist; die Vorteile der Remotearbeit kommen allerdings erst durch Nutzung der Asynchronität in Verbindung mit einer guten Dokumentation zu tragen. Kurz gesagt: Viele Meetings sind nicht notwendig und lassen sich durch (zeitlich getrenntes) Erarbeiten eines Themas oder durch kurze Chats viel besser erledigen.

Eine inklusive und offene Firmenkultur sollte außerdem auch bei Remotearbeit die offene Kommunikation und Kreativität erhalten. Hier gibt es in den meisten Fällen aus meiner Sicht sowieso einiges an Entwicklungspotential.

Softwareentwickler und Remotearbeit

Was mir im XING-Artikel ein bisschen aufstößt: Die Behauptung, Programmierer (die zähle ich im Weiteren Sinne mal zu den Softwareentwicklern) seien (Klischee, juhuu) meist Einzelgänger und daher auf kontaktloses bzw. remotearbeiten aus.

Mal abgesehen davon, dass es sich hierbei meiner Erfahrung nach tatsächlich um ein Klischee handelt, das von der Realität nur selten bestätigt wird, ist der Grund für eine Tendenz zum isolierten Arbeiten meist wie folgt:

Softwareentwickler und Programmierer haben häufig sehr komplexe Probleme zu lösen, die lange und intensive Konzentrationsphasen notwendig machen. In dem Zusammenhang sei auch das Stichwort "Deep Work" erwähnt. Dies ist selbst in einem durchschnittlich ausgestatteten Homeoffice i.d.R. deutlich einfacher zu bewerkstelligen als im häufig lauten und von Unterbrechungen geprägten Büroalltag.

Und sonst so

Bliebe noch das angesprochene Organisations- und Motivationsproblem: Fehlende Selbstmotivation und -Organisation dürfte auf Dauer auch im Büro ein Problem sein und liegt vermutlich wie so oft auch an der Firmenkultur. Natürlich auch an der Persönlichkeit des jeweiligen Individuums und häufig der Zufriedenheit mit der Jobwahl. Selbstorganisation und "Nein sagen" kann man lernen und üben. Die Selbstmotivation bis zu einem gewissen Grad auch, hier spielt die Firmenkultur und Anforderungen von Vorgesetzten (z. B. Micromanagement) aber auch eine große Rolle.

Tendenzielle Berichterstattung (Update August 2021)

Zumindest gefühlt findet in letzter Zeit (Juni, Juli, August 2021) eine tendenzielle Berichterstattung in den Medien zum Thema Homeoffice statt.

So soll "uns" laut Wirtschaftswoche das Homeoffice zumindest laut Überschrift neurotisch gemacht haben. Liest man dann den Text, sieht die Erkenntnis des interviewten Psychologen zwar doch differenzierter aus... Allerdings wird gleich mal ziemlich verallgemeinernd mit der Behauptung begonnen, dass "generell"

nach ein bis zwei Tagen die Zufriedenheit von Mitarbeitern im Homeoffice abnimmt.

Das mag für die Mehrheit stimmen, schließlich wurden hier Studien durchgeführt, allerdings noch lange nicht für jedes Individuum. Das stellt der Psychologe auch später im Interview noch klar, und zählt auch die Vorteile der Remotearbeit auf, nur um dann wenig später (ich habe keine Ahnung, in wie weit hier redaktionell geschnitten wurde), wieder darauf hinzuweisen, dass es im Grunde für niemanden gut wäre, dauerhaft von zu Hause zu arbeiten.

Und dann wieder das Thema "Struktur, sozialer Kontakt, Klatsch und Tratsch". Kann mir mal jemand erklären, was Menschen mit Familie so machen, wenn ihnen zu Hause der soziale Kontakt fehlt? Reden die dort nicht miteinander? Haben die keine Freunde? Und was machen die so, wenn ihnen die Struktur fehlt? Keine Selbstmotivation? Vielleicht der falsche Job? Versteht mich nicht falsch, auf Singles und viele extrovertierte Menschen mag das ja alles zutreffen, aber definitiv nicht auf jeden (und vor allem nicht auf mich, auf den Klatsch kann ich verzichten, ich habe Freunde und Familie und kann mein Leben und den Alltag ziemlich gut selbst strukturieren). Sowohl den Tratsch als auch die Struktur kann man übrigens auch zu Hause von außen haben, wenn man die richtigen Tools und Methoden (z.B. Remote first) nutzt. Das Homeoffice soll "uns" darüber hinaus auch noch "dröger" gemacht haben... Ich glaube eher, dass hier auch einige gemerkt haben, dass ihr aktueller Job eigentlich nicht so zu ihnen passt.

Teams sollen sich außerdem tendenziell gespalten haben... Hier mangelt es wahrscheinlich wieder an den richtigen Methoden und es wurde offenbart, was davor schon nicht richtig funktioniert hatte...

Und dann, um auf die Neurosen zurück zu kommen: Hier sagt der Interviewte, die Pandemie habe uns (also einige zumindest) neurotischer gemacht. Außerdem ängstlicher und unsicherer. Ah, ja, die Pandemie, da war doch was... Vielleicht war es ja gar nicht das Homeoffice? Zumindest nicht allein? Vielleicht, wirklich nur vielleicht, spielt ja die Pandemie für die psychischen Auswirkungen eine viel größere Rolle als der Arbeitsort? Sollte man sogar solche Studien mal außerhalb von Pandemiezeiten durchführen?

Fazit

Ich würde nicht anmaßen, so weit zu gehen, dass Remotearbeit das Nonplusultra für jeden und in jeder Situation ist. Das ist es mit Sicherheit nicht. Aber es ist ein sehr sinnvolles Tool um z. B. fokussiertes Arbeiten und eine bessere Work-Life-Balance zu ermöglichen. Hinzu kommt, dass der Wegfall des Pendelns zum einen Zeit und Stress spart und darüber hinaus ein Beitrag zum Umweltschutz sein kann. Orientiert man sich an Remote first, kann man als Firma sogar von einer besseren schriftlichen Dokumentation und weniger in unnötigen Meetings verbrachter Zeit profitieren. Nicht zuletzt verringert die Nutzung des Homeoffices die Verbreitung von Infektionskrankheiten.

Wie so oft entscheiden die individuellen Bedürfnisse und Präferenzen der Mitarbeiter, weshalb ich eine Orientierung an Remote first (zwecks Dokumentation, asynchroner Kommunikation und Einbindung der Remotearbeiter) in Kombination mit einem Hybridmodell empfehlen würde.

Headerbild Attribution: Image by thedarknut from Pixabay